Tauben: Bildungsbürger oder Ratten der Lüfte?

11.04.2018 12:09:51 | Eva Waiblinger

Manche halten sie für fliegendes Ungeziefer, Ratten der Lüfte, die mit ihrem Kot Gebäude verschmutzen, Krankheiten verbreiten. Andere füttern sie kiloweise mit Getreidekörnern. Wieder andere züchten sie, stellen sie aus, veranstalten Wettfliegen. Die Rede ist von Tauben, die schon die Behaviouristen in Verzückung versetzten. Denn Tauben lernen nicht nur sehr schnell, die Testapparate der Forscher mit gezieltem Picken zu bedienen, sondern sie zeigten sich als sehr clevere Köpfchen. Wenn Tauben mal gelernt hatten, Wasser auf Bildern zu erkennen, dann erkannten Sie auch einen Bergsee, der durch die Stämme von Tannen schimmert, einen Tropfen am Wasserhahn, frühmorgendlicher Tau auf Gras, kurz, Tauben hatten ein Konzept von "Wasser" in all seinen Formen udn Facetten entwickelt, genauso wie sie eines von "Wald" oder "Pflanzen" haben, und die Kapazität ihres visuellen Gedächtnisses ist enorm - als ausgesprochene Augentiere, wie wir Menschen. Sie kategorisieren also ihre Umwelt. Ausserdem konnten sie im klassischen Versuch von Shigeru Watanabe die Werke menschlicher Maler kategorisieren, einen Monet von einem Picasso unterscheiden.

Katrin Blawat berichtet in ihrem Artikel (Tages-Anzeiger Wissen vom 22. März 2018) von den Kognitionsforschern um Sumie Iwasaki von der Kyoto Universität, die ihren Tauben die Möglichkeit gaben, sich bei schwierigen Aufgaben Hilfe und Hinweise bei den Forschern zu holen. Erstaunlich war, dass die tauben schon vor dem Lösen eine Aufgabe abschätzen konnten, ob diese ihre Fähigkeit stark forderte oder nicht. Im ersten Fall holten sie sich Hilfe, im zweiten nicht. Dies zeugt davon, dass die Tauben sich und ihre Lernfähigkeit, aber auch den Schwierigkeitsgrad einer gestellten Aufgabe sehr gut und realistisch einschätzen können, also sogenannte Metakognition betreiben. Wünschenswert wäre, wenn sich menschliche Schülerinnen und Schüler da an den Tauben ein Vorbild nehmen und ihre eigenen Lernvorgänge und -fähigkeiten auf der Metaebene beobachten und einzuschätzen lernen - dies der Wunsch der Schreibenden in ihrer Funktion als Berufsmittelschul -und Mathematiklehrerein, und für einmal weniger als tierpsychologische Beraterin...  Eva Waiblinger

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