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Tierische Selbsterkenntnis

07.03.2019 13:07:49 | BLOG | Evi Waiblinger | BLOG | 3 Kommentare


Hat ein Tier ein Ich-Bewusstsein? Die Kür der Kognitionsforschung bei Tieren besteht darin herauszufinden, ob ein Tier sich selbst als Individuum versteht. Doch wie geht das, wenn man das Tier nicht fragen kann?

Tubau betrachtet sein Abbild im Spiegel. Erkennt er sich im Spiegelbild, oder sieht er nur einen seltsamen Affen, der alles genauso macht wie er, ihn also dauernd nachäfft? Der Spiegelversuch gilt seit meiner Studienzeit (und das sind immerhin mehr als 20 Jahre her) als Test dafür, ob ein Tier sich selbst im Spiegel erkennt. Einem Tier wird unter Narkose ein Farbfleck am Kopf angebracht, dort, wo dieses Tier den Fleck ohne Spiegel nicht sehen kann. Dann gibt man dem Tier einen Spiegel und beobachtet, ob das Tier den Fleck mit Hilfe seines Spiegelbildes an sich selber untersucht und allenfalls wegzuwischen versucht. Zur Kontrolle muss natürlich dasselbe Experiment auch mit einem durchsichtigen Klecks durchgeführt werden, um sicherzustellen, dass das Tier die aufgelegte Farbe nicht taktil mit den Fingern oder über die bemalte Haut erspürt.

Der folgende Artikel von Kathrin Blawat aus dem Tages Anzeiger bieten einen Überblick über die aktuellen Studien, die sich des Spiegeltests bedienen.

Der Fehlschluss ist allerdings, dass ein Tier automatisch ein Ich-Bewusstsein hat, wenn es den Fleck an sich untersucht bzw. abwischt. Sein Spiegelbild zu erkennen bedeutet nicht automatisch, ein Ich-Bewusstsein zu haben, umgekehrt muss aber auch ein Tier, das den Spiegeltest nicht besteht, nicht unbedingt kein Ich-Bewusstsein haben.

Was mich schon lange am Spiegelversuch störte: ein Spiegel ist ein sehr künstlicher Gegenstand. Klar spiegeln Wasserflächen, also kömnnen Tiere beim Trinken ebenfalls mit ihrem Spiegelbild in Kontakt kommen. Ein Spiegel ist aber erst mal keine Wasseroberfläche und zweitens muss ein Tier schon sehr gute optische Fähigkeiten haben, um ein Bild im Spiegel zu sehen. Man versuche mal, den Spiegeltest mit einer Fledermaus, einer facettenäugigen Biene oder einer Qualle durchzuführen! Der Spiegeltest ist ein sehr aus menschlicher Sicht (sic!) entwickelter Test. Oftmals versagen Tiere, die keine näheren Kontakte mit Menschen hatten und daher Spiegel auch nie kennenlernen konnten, wohl einfach, weil ihnen ein Spiegel rein gar nichts sagt! Vielleicht wäre es an der Zeit, dass ein findiger Verhaltensforscher endlich einen Test entwickelt, der ohne Spiegel auskommt...

Eva Waiblinger, Zoologin, Vorstand VIETA