Strengere Auflagen für Tierversuche

07.03.2019 18:02:38 | BLOG | Evi Waiblinger | BLOG | 0 Kommentare


Wollen Forscher Tierversuche durchführen, müssen sie ein Gesuch einreichen. In der Vergangenheit war die Bewilligungspraxis bei belastenden Versuchen wohl etwas zu lasch. Jetzt wird die Schraube angezogen - und schon jammern die Forscher, ihre Forschung ersticke in Bürokratie. Dabei müsste ein Forscher doch ganz genau wissen, was er im Detail mit jedem Tier zu tun gedenkt, denn ohne detaillierte Versuchsplanung kann doch keine Wissenschaft betrieben werden! Ansichten einer Verhaltensbiologin

Ein Artikel der Wissenschaftsjournalistin Barbara Reye im Tages Anzeiger veranlasst mich, ein paar Kommentare zum Thema Tierversuche abzugeben, auch wenn dies nicht direkt mit Tierpsychologie zu tun hat. Der Artikel ist über die 12App erhältlich.

Es ist schon ein paar Jahre her, dass ich Mitglied der eidgenössischen Tierversuchskommission war, und noch länger, dass ich als Tierschutzvertreterin in einer kantonalen Tierversuchskommission sass. Während sich zu meinen Zeiten noch Hunderte Seiten Gesuche auf meinem Pult stapelten, die beurteilt werden wollten, läuft das Tierversuchs-Bewilligungsverfahren heute elektronisch.

Aber zurück zu den Grundlagen: Möchten Forscher Tierversuche durchführen, müssen sie ein Gesuch einreichen, das von der jeweiligen kantonalen Tierversuchskommission beurteilt und vom zuständigen Veterinäramt entweder bewilligt oder abgelehnt wird. Oft macht das Veterinäramt dabei Auflagen, beispielsweise über belastungsmindernde Massnahmen oder eine Dokumentationspflicht zum Befinden der betroffenen Tiere.

In der Vergangenheit war die Bewilligungspraxis bei belastenden Versuchen wohl zu lasch, oft wurden Pauschalgesuche erteilt, bei denen nicht nachvollziehbar war, was genau mit jedem einzelnen Tier passiert. Nach mehreren Einsprachen und Rekursen gegen eingereichte Tierversuchsbewilligungen, sowohl seitens Tierschutzvertretern in der Zürcher Tierversuchskommission (die einzige kantonale Kommission, deren Mitglieder ein Vetorecht haben) als auch seitens des Bundes, wird jetzt die Schraube angezogen - und schon jammern die Forscher, ihre Forschung ersticke in Bürokratie. Dabei: sollte ein Forscher nicht ganz genau wissen, was er im Detail mit jedem Tier zu tun gedenkt? Ohne detaillierte Versuchsplanung kann doch keine Wissenschaft betrieben werden und sind keine belastbaren Resultate zu erwarten!

Der bürokratische Aufwand ist das eine - die Tierversuchsbewilligung dient aber vor allem dem Schutz der betroffenen Tiere vor den Versuchsdurchführenden und Versuchsleitern, also den Forschern. Belastungen der Tiere (Schmerzen, Unwohlsein, Eingriffe und Behandlungen, Einschränkungen, Futter- und Wasserentzug etc.) müssen in der Güterabwägung sorgfältig gegen den zu erwartenden Erkenntnisgewinn abgewogen werden. Eine ungleiche Sache, wenn man bedenkt, dass Menschen diese Güterabwägung vornehmen, die noch gar nicht wissen, was bei ihren Experimenten überhaupt an brauchbaren Erkenntnissen rauskommen wird, und die Tiere in diesem Prozess zudem keine Interessensvertreter haben. Dafür braucht es Tierschutzvertreter in Tierversuchskommissionen, die wie in Zürich ein Vetorecht haben sollten. Es braucht auch Behörden, die ein genaues Auge auf die Forschungsvorhaben werfen und sich nicht scheuen, Gesuche abzulehnen, Rekurse einzuleiten und strenge Auflagen zu machen. Und es braucht Forscher wie Prof. Hanno Würbel von der Uni Bern, der seine Forscherkollegen kritisiert, wenn ihre unsaubere Versuchsplanung den Kriterien der Wissenschaftlichkeit nicht genügt.

Wir sind es den Tieren in der Forschung schuldig, dass die Schmerzen, Leiden und Schäden, die sie für die Wissenschaft erdulden müssen, individuell beurteilen. Tiere sind keine Nummern, sondern empfindungsfähige Lebewesen.

Dr. sc. nat. Eva Waiblinger, Zoologin, Vorstand VIETA

Bild: Sanah laust ihre Tochter Saja. Die beiden Javaneräffinnen waren Mitglieder eine Gruppe von Affen, die bis 1996 von der Abteilung Verhaltensbiologie des zoologischen Instituts der Universität Zürich untersucht wurden. Die Affen lebten in einem Freigehege in natürlichen Familienstrukturen. Untersucht wurde ihr natürliches Verhalten - auch das ist ein Tierversuch!