Erbliches Verhalten bei Katzenrassen

13.08.2019 14:42:13 | News | Evi Waiblinger | News | 0 Kommentare


Neue Fragebogenstudie aus Finnland charakterisiert Verhalten einzelner Katzenrassen und dessen Erblichkeit

"Charakterlich ist die Heilige Birma ein ganz besonderes Wesen. Sie ist zauberhaft anschmiegsam, unkompliziert, relativ ruhig, freundlich mit einem verspielten, heiteren und sanften Naturell. (...) Die Heilige Birma begleitet ihren Menschen überallhin. Als „Hündchen im Katzenkörper“ soll ein Ausstellungsrichter diese anmutige und liebevolle Katze passenderweise einmal bezeichnet haben." So beschreibt das Magazin "Geliebte Katze" die heilige Birma. Doch wie belastbar sind solche Rassebeschreibungen wissenschaftlich? Bleiben Charakterunterschiede von Rassekatzen auch bestehen, wenn ihr Verhalten quantifiziert und analysiert wird? Dem geht eine Forschungsarbeit nach, die Ende Mai im Wissenschaftsmagazin Nature veröffentlicht wurde. Hannes Lohi und Mitarbeiterinnen aus Finnland berichten darin von ihrer Fragebogenstude, mit der sie Verhaltensunterschiede und ihre Erblichkeit bei Katzenrassen untersuchten.

Erfasst wurden dabei Aktivitätslevel, die Tendenz, Kontakt mit Menschen zu suchen, Aggressivität gegenüber menschlichen Familienmitgliedern, Fremden oder anderen Katzen, Scheuheut gegenüber Fremden oder unbekannten Objekten, Intensitätslevel der eigenen Körperpflege, Wollesaugen (Pica), sowie Verhaltensprobleme.
Heraus kam, dass Türkisch Van die stärkste Tendenz hatten, gegenüber Familienmitgliedern, Fremden und anderen Katzen aggressiv zu sein, Russisch Blau waren am scheusten gegenüber Fremden, und British Shorthair suchten am ehesten Distanz zu Menschen. Die Erblichkeit einiger dieser Verhaltenskomplexe lag zwischen 0.4 (Scheuheit der Ragdoll gegenüber Fremden oder unbekannten Objekten) und 0.53 (Aggression der Ragdoll resp. Türkisch Van gegenüber Fremden, Familienmitgliedern oder anderen Katzen). Bei allen Rassen korrelierten die auf Menschen gerichtete Aggression positiv mit Scheuheit, dh. je scheuer eine Katze, desto mehr Aggression gegenüber Menschen oder umgekehrt. Einen kausalen Zusammenhang bzw. die Richtung eines Zusammenhangs kann eine Korrelation nicht aufdecken.

Abbildung: Baumdiagramm von Charaktereigenschaften einzelner Katzenrassen. Eine Clusteranalyse gruppierte die Rassen in 4 klare Gruppen: Türkisch Van als aggressivste, Bengalen und Russisch Blau als ängstlichste, aber auch extrovertierteste Rassen, Perser, British Shorthair, Norweger, Ragdoll und Birma als am wenigsten aggressive, wenig extrovertierte und am wenigsten ängstliche Rassen. ABY = Abessinier, Somali, Ocicat, BEN = Bengalen, BRI = British Shorthair, BUR = Burmesen und Burmilla, CRX = Cornish Rex, DRX = Devon Rex, EUR = Europäisch Kurzhaar, KOR = Korat, MCO = Maine Coon, NFO = Norwegische Waldkatze, ORI = Balinesen, Orientalen Langhaar, Orientalen Kurzhaar, Seychellois Langhaar, Seychellois Kurzhaar, Siam, PER = Perser und Exotic, RAG = Ragdoll, RUS = Russisch Blau, SBI = heilige Birma, SIB = Siberische Waldkatze und Neva Masquerade, TUV = Türkisch Van und Angora

Wie viele ähnliche Studien, auch bei Hunden, hat diese Studie einen grossen Makel: die Daten beruhen nicht auf direkten Verhaltensbeobachtungen der untersuchten Tiere und Rassen, sondern auf den Aussagen der Halter und Züchter. Die Autoren der vorliegenden Studie  diskutieren dieses Problem. Zwar zeigen Fragebogenstudien eine hohe Übereinstimmung, aber die Autoren fordern, dass diese Methode validiert werden sollte. Gemeint ist damit, dass endlich direkte Verhaltensbeobachtungen durchgeführt werden müssen, die zeigen, ob die Einschätzung der Katzenhalter/-züchter auch der Realität entspricht. Es wäre nämlich durchaus möglich, dass Halter und Züchter in der Beschreibung ihrer Rasse nur deshalb so einheitlich sind, weil sie a) eine gewisse Erwartungshaltung bezüglich des Wesens ihrer Rasse haben und nur das sehen, was ihrem vorgefassten Bild entspricht und b) Halter/Züchter einzelner Rassen selten gleich intensive Erfahrungen mit Tieren anderer Rassen haben. Sie sind somit kaum die idealen Personen, um Quervergleiche anzustellen oder ihre Rasse in einem Verhaltenskontinuum zuverlässig einzuordnen.

Fazit: Fragebogenstudien sind schön und recht, sie ersetzen aber niemals die direkte, objektive und quantifizierbare Verhaltensbeobachtung!

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